Winterfreuden am Rande des Gulags

Einen interessanten Vormittag verbrachten unsere Zehntklässler bei einer Lesung von Sergej Lochthofen, zu der die Stadtbücherei eingeladen hatte.

Lochthofen, in Workuta als Sohn eines in das gefürchtete Straflager verbannten Deutschen geboren und später zwanzig Jahre lang Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, verstand es, die Schüler mit der Geschichte seiner Familie in den Bann zu ziehen. 1000 Seiten hat er verfasst über ca. 100 Jahre deutsch-russische Geschichte in seinen beiden Büchern „Grau“ und „Schwarzes Eis“, die beim renommierten Rowohlt-Verlag erschienen sind. Nur wenige Sätze las er aus diesen Werken vor, vielmehr erläuterte, erzählte er aus seiner Familiengeschichte: erschütternde Einzelheiten, wie der Vater Lorenz vier Wochen lang täglich aufs Neue in einer Todeszelle auf die Erschießung wartete und schließlich doch nur nach Workuta deportiert wurde; wie er die grauenvolle Fahrt durch die Tundra im Waggon über Tage hinweg überlebt hat. Alles ist genauestens recherchiert, so betont Lochthofen immer wieder. Aber auch Amüsantes gibt er bei seiner Lesung zum Besten: Wie er es als kleiner Junge genossen hat, vom Wachtturm aus in die Schneehaufen zu springen, welch sorglose Kindheit er mit seiner Familie und zwei Schlittenhunden am Rande des Schreckenslagers verbracht hat.
Als er fünf Jahre alt war, siedelte die Familie in die DDR über, wo der Vater als Leiter einer Maschinenfabrik schnell gesellschaftlichen und politischen Erfolg errang. Als einziges Kind eines Zivilisten ging Lochthofen schließlich in der Nähe von Gotha in eine russischsprachige Garnisonsschule. Er verstand es jedoch, sich bei seinen Schulkameraden unentbehrlich zu machen, da er ihnen ein Bild von der Welt auch jenseits sowjetischen Lebensstils vermitteln konnte. Ermöglicht wurde ihm dies durch seine zweite Muttersprache Deutsch- bis zu seinem fünften Lebensjahr konnte er nur Russisch- und seine internationale Verwandtschaft. Sie nämlich verschaffte ihm z.B. zahlreiche Schallplatten aus den westlichen Ausland, mit denen er nicht nur die russische Deutschlehrerin in Entzücken versetzen, sondern auch seine Mitschüler beeindrucken konnte. Abschließend gab Lochthofen ein paar Hörproben dieser alten Musik aus seiner Jugendzeit von Udo Jürgens über die Beatles bis zu den Rolling Stones. Er spielte sie ab über ein altes Radiogerat mit Plattenspieler aus DDR-Zeiten der fünfziger Jahre. Die Schüler amüsierten sich darüber, und die Lehrer waren begeistert.

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